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von Maria Bortfeldt,

Restauratorin der Berlinischen Galerie

Im Frühjahr 2014 gab es an der Berlinischen Galerie ein größeres Digitalisierungsprojekt, gefördert von der Senatskanzlei für Kulturelle Angelegenheiten. Die Digitalisierung von Objekten des kulturellen Erbes des Landes Berlin wird somit unterstützt. Im Mittelpunkt stand in diesem Jahr die frühe Stadtfotografie, 500 Fotografien von Max Panckow, Hermann Rückwardt und Friedrich Albert Schwartz. Gesammelt wurden sie vom früheren Leiter der Fotografischen Sammlung, Janos Frecot, der schon in den 80er Jahren begann, historische Architektur- bzw. Stadtfotografie anzukaufen und zu erforschen. Da dieser Sammlungsschwerpunkt in den frühen 80er Jahren noch wenig bekannt war, war es damals noch möglich, diese Fotografien auf Flohmärkten zu erwerben. Es entstand daraus eine der Hauptlinien der Fotografischen Sammlung der Berlinischen Galerie zu dieser Zeit. Die Fotografien sind für die Stadtgeschichte Berlins von großer Bedeutung und zeigen die repräsentativen Bauten der Kaiserzeit. Außerdem findet sich in dem Konvolut eine berühmte Mappe von Hermann Rückwardt aus dem Jahr 1894 mit Aufnahmen vom Schloss Charlottenburg in Berlin. Fotografiert wurde dessen historische Innenausstattung. Durch die besondere Aufnahmesituation und die speziellen Lichtverhältnisse vor Ort war die Arbeit eines Spezialisten notwendig. Hermann Rückwardt war im Berlin der Gründerzeit auf Architektur- und Kunstfotografie spezialisiert. Seit den 1870 er Jahren publizierte er die eigenen Arbeiten in Mappenwerken, zunächst mit Originalfotografien. Auffällig an dieser Mappe ist, dass es sich um ein frühes Druckverfahren handelt, das in der Lage war, Fotografien abzudrucken und diese in allen Tonwerten authentisch wiederzugeben. Zugleich ist kein Raster sichtbar, so dass alle Details wie bei einer echten Fotografie abgebildet werden können. Es handelt sich bei diesen Bildern um Lichtdrucke. 1883 richtete Hermann Rückwardt eine Lichtdruckwerkstatt ein. Auf diese Weise konnte er seine Fotografien in größeren Mengen herstellen und damit effektiver kommerziell verwerten.
In der Geschichte der Fotografie und der fotografischen Reproduktionsverfahren ist die Erfindung des Lichtdrucks ein Meilenstein. Und damit für das gesamte Forschungsgebiet der Mediengeschichte. Noch nie zuvor war es gelungen, Fotografien originalgetreu abzudrucken und vor allem nicht in dieser Auflagenhöhe von 1000-2000 Stück pro Druckplatte. Wurden mehrere Druckplatten angefertigt, vervielfachte sich die Auflage. Der Lichtdruck war das erste Druckverfahren, das industriell genutzt werden konnte. 1885 wurde in München die erste Lichtdruckschnellpresse aufgestellt, mit einer Leistung von 200-300 Drucken pro Stunde. Josef Albert, der Erfinder des Lichtdrucks, arbeitete mit einer Schnellpresse, die in 5 Tagen 7000 Lichtdrucke herstellte. In Dresden wurden mit der Schnellpresse Kunstreproduktionen angefertigt, die in einer Auflage von 500 000 Stück in kurzer Zeit hergestellt worden waren.Gesellschaftlich betrachtet ist diese Entwicklung revolutionär, denn es war erstmals möglich, einem sehr großen Personenkreis originalgetreue Fotografien zugänglich zu machen. Dies betraf Originalaufnahmen aber auch z.B. die Reproduktion von Kunstwerken. Der Kunstmarkt wurde durch die jetzt mögliche massenhafte Vervielfältigung demokratisiert und war erstmals nicht mehr nur einem kleinen Fachpublikum zugänglich.
Die Auswirkung der industriellen Entwicklung der Reproduktionstechnik auf den Kunstmarkt wurde in den 60er Jahren durch die Künstler der Galerie Rene Block untersucht: internationale Künstler wie Wolf Vostell, Joseph Beuys, KP Brehmer, Sigmar Polke, Gerhard Richter und die Künstler der Fluxus- Bewegung wie Dieter Rot und Robert Filliou produzierten Grafiken für die Edition Block. Die Künstler setzten sich mit der industriellen Fertigung auseinander, indem sie Grafiken in Auflagen produzierten. Die Sozialisierung des Kunstmarktes wurde untersucht, die Einzelgrafik als Bestandteil einer Edition sollte für jeden bezahlbar sein. Die Produktionsmöglichkeiten der Auflagengrafik wurden untersucht, es entstanden Siebdrucke, Klischeedrucke (also Autotypien), Offsetlithographien und Lichtdrucke. Die Entwicklung der Auflagenkunst und die Auseinandersetzung mit der technischen Reproduzierbarkeit gehört zu den wichtigsten Kunstentwicklungen des 20. Jahrhunderts. Internationale Künstler der Galerie Rene Block haben das Vervielfältigungsphänomen untersucht. Ein Grund ist, dass die technische Reproduzierbarkeit von Bildern gravierende gesellschaftliche Auswirkungen hat.
Dass der Lichtdruck das erste preiswerte und technisch mögliche Reproduktionsverfahren für Fotografien ist, gibt ihm ein Alleinstellungsmerkmal unter allen Verfahren, die vor ihm und nach ihm entwickelt wurden. Vielleicht ist dies ein Grund gewesen, weshalb sich Gerhard Richter im Jahr 1968 mit dieser Technik auseinandergesetzt hat. Die Berlinische Galerie besitzt zwei Lichtdrucke von Gerhard Richter mit dem Titel „Schattenbild I und II“. Es ist daher aus der Sicht der Berlinischen Galerie unverzichtbar, diese Vervielfältigungstechnik noch im Detail nachvollziehen zu können. Auch weil sie so komplex ist. Es ist für Kunsthistoriker, Medienwissenschaftler und Restauratoren nicht möglich, die Technik zu verstehen, ohne den Prozess in der Werkstatt in der Anwendung zu sehen. Das fachliche Detailwissen kann wiederum nur erhalten bleiben, indem das Lichtdruckverfahren weiterhin praktisch ausgeübt wird und die Werkstatt in Funktion bleibt. Die Lichtdrucktechnik muss auf der Welt zumindest in zwei bzw. drei Werkstätten erhalten bleiben, als eine wichtige und lange Etappe der Mediengeschichte. Eine andere Entwicklung ist fast so undenkbar, als wenn niemand mehr weiß, wie die analoge Fotografie funktioniert.
Vor der Erfindung des Lichtdrucks im Jahr 1867 durch Joseph Albert gab es viele Versuche, Fotografien drucken zu können. Die große Hoffnung bestand darin, die Fotografie als Massenkommunikationsmittel für Wissenschaft und Kunst einzusetzen. Dies war aber nur möglich, indem die fotomechanischen Druckverfahren entwickelt wurden, und die Bilder preiswert vervielfältigt werden konnten. Die fotomechanischen Druckverfahren sollten nicht mit den Edeldruckverfahren verwechselt werden. Bei den Edeldruckverfahren handelt es sich um echte Fotografien, mit diesen Verfahren sind Gummidrucke, Pigmentdrucke und Bromöldrucke gemeint. Die Fotografien selbst wurden zur damaligen Zeit mit großer Sorge betrachtet, weil sie so wenig haltbar waren. Um 1850 wurde das Albuminverfahren als fotografisches Positivverfahren entwickelt. Es war das wichtigste fotografische Verfahren des 19. Jahrhunderts, weil die Papierabzüge in größeren Mengen hergestellt werden konnten. Das Albuminverfahren ist aber zugleich das am wenigsten stabile Verfahren, das Silberbild verfärbt und bleicht schnell aus. Trotz Entwicklung von Tonungsprozessen wurde die Zukunft für die Fotografie nur noch darin gesehen, die Bilder durch Druckprozesse haltbar zu machen. Zunächst wurden die Lithografie, der Holzstich und die Zinkätzung dahingehend untersucht, ob sie sich für die Wiedergabe von Fotografien eignen. Bis 1864 war es aber nur möglich, Strichvorlagen und Flächen zu drucken. Dann wurde die Woodburytypie erfunden und die Darstellung von Grauabstufungen im Druck damit zum ersten Mal möglich. Die Grauwerte wurden bei diesem Verfahren noch durch eine unterschiedliche Dicke der Gelatineschicht wiedergegeben. Die Ergebnisse waren sehr schön, aber der Druckvorgang aufwändig und teuer. Das Verfahren war als Massenkommunikationsmittel nicht geeignet. Als der Lichtdruck 1867 erfunden wurde, hatte man zum ersten Mal in der Geschichte ein Druckverfahren gefunden, das alle Halbtöne und damit alle Details von Fotografien wiedergeben konnte und wirklich bezahlbar war. Gleichzeitig waren die Bilder haltbar und verblichen nicht, wie die Albuminfotografien im 19. Jahrhundert. Auf der Weltausstellung in Wien 1873 bekam das Lichtdruckverfahren die höchste Auszeichnung. Zwischen 1870 und 1880 war der Lichtdruck das einzige Halbton-Illustrationsverfahren in Deutschland und Östereich. Mit Lichtdruck wurden auch die ersten Farbfotografien erfolgreich publiziert.
Die Wichtigkeit des Lichtdrucks für die Mediengeschichte wird auch deutlich, wenn man ihn im Vergleich mit späteren Druckverfahren betrachtet. Hatte der Lichtdruck sein Alleinstellungsmerkmal nur über einen Zeitraum von 10 Jahren oder noch über einen längeren Zeitraum, als bereits weitere vielversprechende Drucktechniken entwickelt worden waren? 1879 wurde die Heliogravüre erfunden. Die Qualität der Reproduktionen war sehr hoch: brillante Lichter und Schatten, umfangreiche Tonwertabstufungen und eine sehr hohe Auflösung ohne Raster waren möglich. Der einzige Schwachpunkt der Heliogravüre war der Druck: jeder Abzug mußte, ähnlich wie bei den manuellen Verfahren Radierung oder Aquatinta, von Hand gedruckt werden. Versuche das Drucken zu mechanisieren scheiterten. Es war nicht möglich, die hohe Druckqualität bei einem mechanischen Druckverfahren zu erreichen. Für Kunstreproduktionen in großen Auflagen war sie zu teuer und wurde mehr für Luxusbücher angewendet. Die maximale Auflagenhöhe war 500 Stück. Um das Verfahren für die Massenvervielfältigung einzusetzen, mußte mit Druckzylindern gearbeitet werden. Die Rasterheliogravüre war von der Tonwertabstufung und Auslösung her ähnlich geeignet, wie die manuelle Heliogravüre. Das Verfahren wurde aber erst ab 1900 eingesetzt, genauso wie die Autotypie. Sie war das erste eingesetzte Hochdruckverfahren. Charakteristisch für die Autotypie ist, dass sie keine echten Halbtöne hat, sondern das Auge verschieden große Punkte zu geschlossenen Halbtönen zusammensetzt. Diese Drucktechnik war kein hochwertiges Illustrationsdruckverfahren, ihr Vorteil war die Massentauglichkeit, und dass es erstmals möglich war, Fotografie und Text zusammen abzudrucken.
Man kann also feststellen, dass der Lichtdruck bis zur Jahrhundertwende das dominierende Halbton-Reproduktionsverfahren war, über 30 Jahre lang. Diese Technik markiert den für die Mediengeschichte so wichtigen Übergang von der Originalfotografie des 19. Jahrhunderts, deren Zugang nur einem sehr kleinen Personenkreis vorbehalten war, und dem Massenkommunikationsmittel Autotypie des 20. Jahrhunderts. Diese mediale Revolution ist für die gesellschaftliche Entwicklung so wichtig, dass die Lichtdrucktechnik als kulturelles Erbe in Funktion erhalten bleiben muss. Die Einschätzung der damaligen gesellschaftlichen Veränderungen durch das Medium Fotografie und die Drucktechnik wurden von Zeitzeugen folgendermaßen gesehen: Alle Entwicklungen der Fotografie und der fotomechanischen Druckverfahren wurden durch die Photographische Gesellschaft in Wien ab 1861 vorangetrieben und weltweit diskutiert. Der Herausgeber der internationalen Publikation „Photograpische Correspondenz“ Ludwig Schrank trieb die Entwicklung eines fotomechanischen Druckverfahrens wesentlich mit voran und referierte darüber innerhalb der Photographischen Gesellschaft. Er war einer der Fachleute, der den besten Überblick über den technischen Stand der Druckverfahren hatte, sowie die Bedeutung für die Gesellschaft einschätzte und publizierte. Ludwig Schrank sah durch die Erfindung des Lichtdrucks massive soziale Umwälzungen auf die Gesellschaft zukommen. Hintergrund ist, dass sich die Fotografie, weil die mangelnde Haltbarkeit erkannt war, in einer tiefen Krise befand. Fotochemiker aus der Zeit schätzten die Lage sogar so ein, dass die Zukunft der Fotografie vollkommen davon abhing, ob es gelingen würde, ein Druckverfahren zu finden. Deshalb ging Ludwig Schrank von der Photographischen Gesellschaft davon aus, dass der Beruf des Fotografen gar nicht mehr eigenständig weiterexistieren würde, sondern sich zum Bilderlieferanten für die Druckereien weiterentwickeln würde, mit der Erfindung des Lichtdrucks. Wegen der mangelnden Haltbarkeit der Fotografien und der geringen Zugänglichkeit durch die Massen im 19. Jahrhundert wurde die Entwicklung der Druckindustrie also damals als gesellschaftlich bedeutender eingestuft, als die Fotografie selbst. Oder anders ausgedrückt, die Fotografie hatte aus damaliger Sicht keine Zukunft ohne die Druckverfahren. Der Lichtdruck als erstes Druckverfahren kann damit also nicht für sich betrachtet werden, sondern hat der Fotografie und allen fotografischen Entwicklungen den Weg bereitet. Auch in dieser Hinsicht hat der Lichtdruck ein Alleinstellungsmerkmal. Er stellte die technische Lösung als Kommunikationsmittel für Bilder im 19. Jahrhundert dar. Der Friedrich Bruckmann Buchverlag in München z.B. hatte sich in den 1860er Jahren auf fotografische Kunstreproduktionen spezialisiert. Mit der Erfindung des Lichtdrucks erschienen die sogenannten illustrierten Prachtwerke des 19. Jahrhunderts. In München hatte Friedrich Bruckmann eine Lichtdruckabteilung eingerichtet, in der 1885 die erste Lichtdruckschnellpresse Deutschlands mit einer Leistung von 200-300 Drucken pro Stunde aufgestellt wurde. Die drucktechnischen Innovationen führten innerhalb des grafischen Gewerbes zu Umstrukturierungen. Sogenannte Graphische Kunstanstalten spezialisierten sich auf die Herstellung von Druckplatten. Sie fungierten solange als Vermittler zwischen Bildautor, Drucker und Verleger, bis die Verlage selbst die Druckverfahren beherrschten. Nach 1896 installierte der Friedrich Bruckmann Verlag 11 Lichtdruckschnellpressen und 6 Kupferdruckpressen. Die Buch- und Kunstdruckerei hatte 126 Beschäftigte. Einerseits gab es die luxuriöse kunsthistorische Buchausgabe, andererseits Fotografien, die in hohen Auflagen gedruckt wurden, weil das Publikum zunehmend stärker auf das Bild fixiert war. Die Fotografie selbst spielte dabei nur eine vermittelnde Rolle, die Druckverfahren ermöglichten um 1900 die fast unbegrenzte Verbreitung der Bilder. Hier gab es den historischen Übergang vom Prachtwerk des 19. Jahrhunderts, im Lichtdruck ausgeführt, zum Foto-Bildband des 20. Jahrhunderts, der mit anderen Drucktechniken hergestellt wurde. Innerhalb dieser 30 Jahre wurde eine entscheidende Etappe zurückgelegt, technisch, medial und die Verteilungswege betreffend.
Unter Historikern ist mittlerweile unumstritten, dass Medien in der Zeitgeschichte eine zentrale Rolle spielen, sie sind wichtiger Bestandteil der sozialen Wirklichkeit. Dies gilt für ihre alltägliche Nutzung, ihren Einfluss auf Wahrnehmungen und soziales Verhalten. In die Geschichtsforschung wird die jeweilige Bedeutung der Medien deshalb direkt mit einbezogen. Der Lichtdruck war prägend für die Fotografie und Mediengeschichte und den damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen. Aus der Sicht eines Museums muss das technische Verfahren des Lichtdrucks in Funktion geschützt werden, um es auch in Zukunft verstehen zu können. Das Fachwissen der Lichtdrucker muss erhalten bleiben. Dies ist nur möglich, indem es weiterhin angewendet wird. Die Druckmaschinen und Lichtdrucke an sich genügen nicht, um das Verfahren zu verstehen. Daher muss die Lichtdruckwerkstatt Leipzig in die Unesco-Liste zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes aufgenommen werden. Wir wünschen der Lichtdruckwerkstatt für die Aufnahme in das nationale Verzeichnis viel Erfolg. Aus unserer Sicht ist es aber darüber hinaus auch begründet, dass die Lichtdruckwerkstatt in das internationale Unesco-Verzeichnis aufgenommen wird, weil sie ein Alleinstellungsmerkmal in Europa hat.